Sonntag, 18. Oktober 2009

B.N. und Hobusch


„Mark der deutschen Notenbank“, so hieß eine zeitlang die Mark in der DDR. Dies kam mir wieder in Erinnerung als ich gestern in meinen Sammlungen kramte und mir ein altes Etikett unseres Dessauer Kräuterlikörs „Hobusch“ anschaute, denn dort war der Preis so ausgezeichnet. Dieser „Hobusch“ ist eines der wenigen Dessauer Erzeugnisse die es zum Glück auch jetzt noch gibt. Es wäre ja auch zu schade gewesen wenn dieser Traditionslikör von der Bildfläche verschwunden wäre. Nicht daß ich gerne Alkohol trinke – dies sehr selten mal – sondern wegen dem Etikett, welches ein berühmtes Dessauer Original zeigt, eben besagten Hobusch, ist es schön, daß es immer noch „Hobusch“ gibt. Der Hersteller des Hobusch-Likörs zu DDR-Zeiten war Max Schulze. Ich kann mich noch gut daran erinnern wo er wohnte, nämlich in einem großbürgerlichen Haus schräg gegenüber der Bäckerei Veit. Mit einer seiner Töchter, der Marion Schulze, war ich früher befreundet, gehörte sie doch zu der Musikszene Dessaus der auch ich angehörte, siehe meinen Beitrag über meine Rockband „Yoyo´s“.

Der historische Christoph Hobusch war eigentlich ein Opfer der großen Klassenunterschiede im 19. Jahrhundert und viele seiner Schnurren sind im reellen Lichte gesehen nur Ergebnis seiner Armut. Sei es wie es sei, im Gedächtnis der Dessauer ist Hobusch tief verwurzelt, auch ohne besagten Kräuterlikör. Ich persönlich sehe Hobusch mehr als einen leicht anarchistischen Dessauer Schwejk an, welcher der damaligen ausbeuterischen heuchlerischen Klassengesellschaft einen Spiegel vorhielt.

Für die Leser des Blogs heute ein Scan meines alten Hobusch-Kräuterlikör-Etiketts und zwei neue Aufnahmen von der Gaststätte in Dessau die seinen Namen trägt, der „Hobuschstube“. Auf dem Ecksims des Gebäudes wurde Hobusch durch eine Steinfigur verewigt und eine Wandplatte macht ebenfalls auf ihn aufmerksam. Diese Platte ist besonders gelungen, zeigt sie doch das stilisierte Gesicht von Hobusch als Sonnenkopf. In guter alter anhaltischer Mundart heißt es natürlich „Sonnenkopp“ und alte traditionsbewußte Dessauer bezeichnen sich gern selber als „Sonnenköppe“.

Von Hobusch sind viele Schnurren überliefert und diese natürlich in anhaltischer Mundart. Leider ist diese Mundart am Aussterben, was ich bedauere, da ich sie sehr mag. Gern habe ich immer zu DDR-Zeiten in der „LDZ“ Beiträge in Mundart gelesen, doch leider ist es seit der Wende damit vorbei, in der lokalen Tagespresse wird diese Tradition nicht mehr gepflegt. Zu dem letzten großen Dessauer Heimatdichter der in anhaltischer Mundart schrieb, Willibald Krause, hatte ich ein gutes Verhältnis. Wen es interessiert hier noch einmal der Link zu einem Scan aus meinem Gästebuch wo sich auch Willibald Krause mit Foto verewigt hat:
http://barrynoa.blogspot.com/2008/02/altes-aus-dem-gstebuch-von-bn.html

Nun noch zwei Hobusch-Anekdoten (teilweise in anhaltischer Mundart) die ich für besonders symptomatisch halte, zeigen sie doch klar auf, daß Hobusch ein Opfer der Klassengesellschaft war, der aber sich nicht knechtisch beugte, sondern einen alternativen Lebensstil pflegte und der damit fast ein Bürgerschreck war, denn es war zu dieser Zeit z.B. mehr als verpönt nackt in einem Fluß zu baden, was allerdings Hobusch tat, wie nachfolgende Anekdote zeigt. Das ganze Ausmaß seiner Armut, und Hobusch stand ja da nicht allein, sondern breite Bevölkerungsschichten waren bettelarm, dies zeigt sich an der zweiten von mir ausgesuchten Anekdote, wo Hobusch seinen Kindern aus Armut nichts zu Weihnachten schenken konnte und er aber den spießbürgerlichen Frager bewußt mit der Story des Pinkelns einer Eisbahn für seine Kinder schockte, da derart „unsittliche“ Handlungen gegen die prüden Anstandsbegriffe der herrschenden Gesellschaft verstießen. Heutige Geschichtsschreiber wollen diese gesellschaftlichen Hintergründe gern ausblenden und sie zeigen Hobusch als einen kuriosen Außenseiter der an seinem Schicksal selbst schuld war oder sie reduzieren ihn auf einen Witzbold, beides lehne ich ab!



HOBUSCH HAT DE HARRZOGIN NACKTICH JESÄHN

Einmal vertraute Hobusch mitten im heißesten Sommer unter dem Siegel der Verschwiegenheit seinem Freund Nante an: "Ob d'es jloowest odder niche, heite hawwich de Harrzorin nackich jesähn." - Nante guckt ganz erschrocken: "Um Jotteswilln, Christoph, seik vorsichtig, un rede dich nischt uffn Hals."Hobusch grinst listig: "Wiso denne? - Is doch wahr. Ich hawwe de Frau Harrzorin nacktich jesähn, un das kam so. Ich badete wie immer, ohne Hose, unner de Jaljnbricke, un in dän Moment fuhr se mit de Kutsche iwwer de Bricke. Hawwich se nu nacktich jesähn odder nich?"


DIE JEPINKELTE SCHLIDDERBAHNE

Kurz nach Weihnachten begegnet Hobusch dem Kommerzienrat Ziegler, und der fragt leutselig: "Na, Hobusch, was haste denn in diesem Jahr deinen Kindern geschenkt?"Hobusch zögert nicht lange und sagt:"Ach wissn se, Herr Kommarzjnrat, bei uns arme Leite isses doch immer dasselwe. De Ludersch krien jedes Jahr 'n Paar neie Holzpantin'n, un was meen'n se, die frei'n sich wie de Schneekeenije, wenn se denn ihr Vater noch ne Schlidderbahne dorzu pinkeln tut!"

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